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#jescotrifft - Mein Dreh am Set von Ostfriesenblut

ostfriesenblut1Norden. Da sitze ich nun. Mitten im Apollo Kino in Norden. Also wirklich die Mitte des rustikalen und urgemütlichen Kinosaals, der sich in einem angenehmen Rot präsentiert. Ich wähle gerne genau die Mitte, denn von hier aus hat man meiner Meinung den besten Blick auf die Leinwand. Dieses Mal ist mir das besonders wichtig, denn gleich werde ich mir selbst dort vorne begegnen.

ostfriesenblut3Es ist der 19. Dezember 2018 und die Dreharbeiten zu Ostfriesenblut und Ostfriesensünde sind gefühlt schon so lange her. Es war auf jeden Fall wärmer, sehr warm sogar, manchmal unerträglich heiß unter der Polizeiuniform. Die hatte ich an insgesamt zehn Drehtagen an. Zwischendurch wurde sie vom Team der Filmproduktionsfirma Schiwago sorgfältig gewaschen und gebügelt. Zum Glück, denn der Schweiß lief besonders bei den aktionsreicheren Einstellungen in Strömen und ließ sich von den Textilien gerne aufsaugen. Eigentlich wollte ich nur einmal kurz in das Filmgeschäft hineinschnuppern. Seit meiner Kindheit bin ich begeisterter Cineast, habe eine umfangreiche Filmsammlung zu Hause und schwärme für James Bond. War es nicht naheliegend, dass ich selbst einmal in einem Krimi mitspiele? Sicherlich, aber nicht in irgendeinen Streifen, sondern in einem Ostfriesenkrimi nach den Romanen von Erfolgsautor Klaus-Peter Wolf. Das eine ergab sich, das andere mit ein wenig Glück und plötzlich befand ich mich im Rekordsommer in schwarzer Polizeiuniform an einer Schule in Norden, die als erster Schauplatz eines grausamen Mordes fungierte. Auf meiner Jacke steht „Funke“, zwei Sterne schmücken meine Schulter. Immerhin, denke ich mir, als Polizist ist das ja schon ein ganz stattlicher Rang. Zuvor wurde ich nett eingewiesen von Mirjam Erdem, die motiviert uns Komparsen betreut. Und davon gibt es einige, die ich dann auch gleich kennenlerne. Yulia, Willi, Fokko, Svenja, Matthias, Gela, Hajo, Siemen und noch so viele andere liebe Kollegen, die entweder als Spurensicherung oder in Polizeiuniform aber auch als Zivilfahnder auftreten. Gleich am ersten Tag gründeten wir eine Whatsapp-Gruppe, zu der im Laufe der Drehzeit immer mehr hinzu kamen und die natürlich heute noch besteht.

Viel Däumchendrehen

ostfriesenblut4Ich muss zugeben, dass ich zu diesem Zeitpunkt nur Ostfriesenkiller von Klaus-Peter Wolf gelesen und im Fernsehen gesehen habe. Meine Frau hingegen verschlang einen Ostfriesenkrimi nach den anderen und konnte mich zunächst gut auf dem Laufenden halten was die Handlung betrifft. Ich entschied mich aber sofort mir Ostfriesenblut und Ostfriesensünde vorzunehmen. Immerhin hatte ich auch Zeit, denn als Komparse muss man viel Geduld auf dem Set mitbringen. Warten, warten und nochmals warten bis dann der erste Einsatz kommt. Manchmal wartet man einen ganzen Tag, wird dann plötzlich nach Stunden des Däumchendrehens zum Einsatz gerufen und muss hellwach sein. Zack, die eine Aufnahme und gleich die Nächste aus einer anderen Perspektive hinterher und dann war es das auch schon. Man ist eben Komparse und kein Hollywoodstar. Alles richtet sich nach dem Regisseur Rick Ostermann und den Hauptdarstellern Christiane Paul (Ann Kathrin Klaasen), Christian Erdmann (Frank Weller), Barnaby Metschurat (Rupert) und zum ersten Mal mit dabei Kai Maertens, der die Rolle des Ubbo Heide von Peter Heinrich Brix übernommen hatte. Schade, dachte ich mir, als ich erfuhr, dass Peter Heinrich Brix nicht mehr dabei ist, da ich gerne die Geschichten aus Büttenwarder schaue. Kai Maertens musste ich zunächst einmal googeln. Ach der ist das! Aber ihn traf ich erst an späteren Drehtagen. Und soviel sei schon vorweg zu nehmen, er überzeugte schauspielerisch und menschlich am Set.

Keine Diskussionen

Starallüren sollte man als Komparse nicht haben. Dafür ist kein Platz. Das musste der eine oder andere schmerzlich spüren, denn nicht immer läuft es so beim Film wie es geplant ist. Diskussionen mit der Regie muss man erst gar nicht anfangen, denn sie werden nicht geführt. Wem es nicht gefällt kann gehen. Einige erfuhren das am eigenen Leib. Auch ich musste schlucken, als ich an einem Drehtag um 9 Uhr morgens zum Set bestellt wurde, ich allerdings erst 15 Minuten später hätte da sein können und Komparsenbetreuerin Mirjam Erdem deutlich zu verstehen gab, dass ich dann eben ausgewechselt werde. „Nein, nicht meinen Oberkommissar Funke, nicht meine Rolle, die habe ich jetzt“, dachte ich mir und organisierte aufwendig meinen Tag so, dass ich pünktlich um 9 Uhr dort erschien. Dass ich allerdings erst um 16 Uhr zum Zug kam ist nunmal persönliches Pech.

Die Premiere in Norden

ostfriesenblut5Getränke, Buffet und zwischendurch etwas zu naschen versüßte einem die lange Wartezeiten. Doch dann ging es los. Plötzlich steht man mit Christiane Paul vor der Kamera. „Du musst dann so herübergehen, ihr das geben und dann da hinten in der Tür verschwinden und zwar auf das Stichwort Stützstrümpfe“, erklärt mir die eine. Eine Minute später kommt eine andere Frau auf mich zu und stellt mich ganz woanders hin. „Nein, so geht das nicht“, sagt sie und drapiert mich wieder auf meine alte Position, drückt mir eine Akte in die Hand und sagt, dass ich jene Christiane Paul überreichen soll. Klar, denke ich mir und fühle mich wohl, denn hier entsteht Kunst. Zwar gibt es einen Fahrplan in Form des Drehbuches aber das Bild selbst entsteht spontan. Das macht den Reiz aus und natürlich auch die Hoffnung, dass man gleich eine richtig tolle Szene bekommt, in der man vielleicht etwas mehr zeigen kann als ein üblicher Komparse. Immerhin ist der Komparse die erste schauspielerische Form – so steht es zumindest geschrieben. Aber handlungsentscheidend ist man nicht. Dennoch möchte man auch als Komparse irgendwie einen Fussabtrug in diesen Film hinterlassen. Warum will ich das? Ich hinterlasse als Redakteur, der seit über 20 Jahren für Zeitungen schreibt, Tausende von Fussabdrücken. Aber es ist eben ein Film, irgendwie magischer, großartiger, erstaunlicher. Ob der Autor Klaus Peter Wolf auch so denkt? Und wie reflektieren sich die Hauptdarsteller? Ist das nur ein Job oder haben die auch noch das Kribbeln wie ich in meiner kleinen Komparsenrolle als Polizist? Während Christiane Paul doch lieber die Ruhe in den Drehpausen sucht, tollt Barnaby Metschurat mit kleinen Kindern auf dem Rasen und Kai Maertens setzt sich zu uns – ja, zu uns Komparsen, die immer am Buffet warten müssen, bis das übrige Team gegessen hat. Ein witziger Typ, denke ich mir. Aber was erwarte ich? Eher eine Christiane Paul, die lieber die Ruhe sucht, was man ihr nicht übel nehmen kann? Oder einen Jörg Schüttauf, der mit uns den halben Tag über Ebbe und Flut quatscht und wo man in der Gegend am besten Baden gehen kann? Schauspieler sind eben auch nur Menschen. Der eine mag es so, der andere lieber anders. Dennoch war es irgendwie ein schönes Gefühl, als Kai Maertens bei der Premiere von Ostfriesenblut im Foyer des Kino auf Svenja und mich zukam und genau wusste, wer wir sind. Leider war er auch der einzige anwesende Hauptdarsteller an diesem Abend in Norden. Aber auch das ist wiederum verständlich, denn so kurz vor Weihnachten ist das eben so eine Sache. Regisseur Rick Ostermann, Barnaby Metschurat und Christian Erdmann hatten aber Videogrußbotschaften vorbereitet. Von Christiane Paul leider kein Zeichen. Sie saß bei Markus Lanz in einem unglücklichen Interview über die Vorurteile von „Wessis und Ossis“, was so nicht geplant war, denn es hätte eigentlich um Ostfriesenblut gehen sollen. Noch schnell einmal den Trailer senden und dann zum nächsten Gast. Keine Sternstunde von Markus Lanz. Schade finde ich es, denn ich identifiziere mich mit diesem Film und möchte selbst, obwohl mein Teil an dem Werk verschwindet klein ist, dass er erfolgreich beworben wird. Was wohl nach dem Schnitt von mir übrig geblieben ist?

Noch lange kein Hollywoodstar

ostfriesenblut2„You feel like Steve McQueen when you're driving in your car“, summe ich den Song von Harpo, der einen Darsteller für einen Werbespot besingt, der nun glaubt, er wäre der „Moviestar“. Als Komparse ist man ebenso gefährdet, solche Gedankengänge zu verfolgen. Wenn dann noch das Umfeld dazu sein Übriges tut und ordentlich gut zuredet, dann kann es passieren, dass man plötzlich sich selbst als „Filmstar“ sieht. Auch solch jemanden lerne ich kennen. Aber er ist glücklich damit und nichts ist schöner als glückliche Menschen, denke ich mir. Ich für meinen Teil weiß, dass ich gleich froh sein kann, wenn ich überhaupt zu sehen bin. Der Film startet. Ostfriesenblut – endlich kann ich ihn sehen. Tolle Kameraeinstellungen vom ostfriesischen Norden, so düster hatte ich das gar nicht in Erinnerung an den Drehtagen, das Wetter war einfach zu gut und sie mussten im Schnitt nacharbeiten, gibt Schiwago Film zu. Und da bin ich, ja, da laufe ich. Unscharf im Hintergrund. Ist ja klasse. Ich kann mich an den Drehtag noch genau erinnern. Ich lief von der Tür Richtung Polizeiauto. Filmschnitt, eine andere Einstellung jetzt von drinnen. Ach was, das war doch ganz woanders an einem ganz anderen Tag. Das ist ja lustig, denke ich mir und sehe mich ganz deutlich hinter Christiane Paul eine Tür vom Tatort schließen. Ein paar Minuten später wieder unscharf im Hintergrund und dann noch zwei Autofahrten mit Blaulicht und mit mir am Steuer. Doch zu erkennen bin ich nicht. Macht nichts, die beiden Fahrten hatten damals irre viel Spaß gemacht. Das war es auch schon. Mehr bin ich nicht zu sehen. Aber ich bin zufrieden. Meine Komparsenkollegin Svenja neben mir ebenso. Auch sie ist immer wieder einmal kurz zu sehen. Und da ist Fokko und da läuft….Komisch, zum ersten Mal achte ich bei einem Film speziell auf den Hintergrund. An Christiane Paul schaue ich vorbei, auch an Christian Erdmann und den anderen Darstellern. Diese Runde ist eben nur für uns Komparsen. Aber am 29. Dezember wird Ostfriesenblut um 20.15 Uhr auf ZDF ausgestrahlt. Dann schaue ich den noch einmal. Und sicherlich auch noch ein drittes Mal über Mediathek. Bis zum Februar, denn dann kommt Ostfriesensünde ins Fernsehen. Da hatte ich sogar noch mehr Einstellungen gedreht. Im Mai/Juni 2019 beginnen die Dreharbeiten zu Ostfriesengrab. Ja, ich habe auf jeden Fall wieder Lust und hoffe, dass sich Schiwago Film bei mir meldet und mich wieder als Polizeioberkommissar Funke einsetzt.

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